Ein typischer Bestrahlungstag im Leben des Brustkrebs-operierten Rudi K. Sander, alias dieterbohrer aka @rudolfanders
Niemand weiss, und niemand kann wissen, (weil ALLE Zukunft opak ist), was ihn morgen treffen, gar tödlich bedrohen kann. Auch ich hätte mir doch niemals träumen lassen, als Mann jemals einen Gynäkologen aufsuchen zu müssen, weil die befürchte, dann auch die bereits erwartete Selbstdiagnose hiess: Brustkrebs ?Heute, wo alles gut und ausgesprochen glimpflich verlaufen ist, heute bin ich 84 Jahre alt. Es ist der 26. Oktober 2013, und am kommenden Heiligen Abend soll ich - wenn es die Götter so beschliessen - also 85 Jahre alt werden. Keine Garantie dafür, nicht einen Tag später, vielleicht durch einen Schlaganfall, wie eine morsche Eiche gefällt zu sein. Schnell tritt der Tod den Menschen an, heisst es warnend, zur persönlichen Besinnung aufrufend, in der Bibel. Auf der anderen Seite mahnt der Dichter (Thomas Mann): Du sollst dem Tod keine Macht einräumen über das Leben.
Es war bis Mitte 2011 so, wenn ich nackt war, (im Bad), umfasste ich oft meine alte Fettbrust und sagte, (besonders wenn meine strenge und gern über die Borniertheit der Männer im allgemeinen herziehende Schwester gerade anwesend war): Nun, Körbchengröße 2 bekomme ich allemal zusammen. Tatsächlich hatte ich im besagten Alter solch eine beträchtliche Mädchenbrust. Und dann traf mich vollkommen unerwartet & unvorbereitet das Ereignis: In meiner rechten Brust erfühlten meine erschrocken tastenden Finger einen "Fremdkörper", eine zunächst noch weiche Geschwulst von der leicht zu ertastenden Größe eines - sagen wir so - eines Sahnebonbons.
Was tut mensch in einer solchen Lage? Nun, ich beschloss, im Hinblick auf mein nun wirklich schon hohes Alter, die Sache einfach zu ignorieren. Ich sagte mir einsichtsvoll und gelassen: Deine Zeit, mein lieber Rudi, die ist gewiss ohnehin bald herum.
Das konnte ich ungestraft etwas anderthalb Jahre so durchhalten. Zwar musste ich mir - von Monat zu Monat - ehrlicherweise eingetehen, dass mein ungebetener Besucher keineswegs von selber verschwinden wollte, im Gegenteil: die Geschwulst wuchs und wuchs, langsam zwar, aber unübersehbar. Es bildte sich zweierlei heraus: 1) so etwas wie eine (stumpfe) Spitze, eine Zuspitzung der Situation, sozusagen, und 2) das Ding, wie ich es im Stillen bei mir längst nannte, dieses Ding wuchs und breitete sich - anscheinend unaufhaltsam - in meiner recht Brust aus.
Und dann kam die entscheidende Sekunde mitten in der Nacht: ich lag entspannt im Bett, rechts neben mir das digitale Radio, ich hörte - wie schon in so vielen Nächten - HR2/Kultur: Klassik um Mitternacht. Auf einmal, plötzlich & unerwartet, empfing die Geschwulst in meiner rechten Brust einen ersten und gleich einen gewatigen Stich, als hätte mir eine böse Fee oder eine tolpatschige Krankenschwester, (wenn es so etwas überhaupt gibt), mit einer Stricknadel in die Brust und dort genau in die Mitte meiner dortigen Geschwulst gestochen. Wenn ich die Linke Hand auf meine rechte Brust legte, die ganze Brust samt der ihr innewohnenden Wucherung zärtlich umschloß, dann beruhigte sich diese Lage bald wieder. Mir war aber sofort und sogleich klar: SO kannte das nicht weiter gehen: ich musste nolens-volens den Hausarzt aufsuchen
Dies umso mehr, weil mich - ebenfalls seit langem und gleichermaßen von mir ignoriert - am linken Fuss, am zweitkleinsten Zeh (Nr. 4) eine gewaltige offensichtliche Fettgeschwulst so behinderte, dass das Anziehen schlanger & eleganter Slipper sich von ganz alleine verbot. Ich suchte also - nun postwendend - meinen Hausarzt auf und sage zu ihm: Herr Doktor, ich habe ZWEI Probleme, ein Kleines & ein Großes ! Nun, meinte er gelassen (cool, sagt die Jugend heute), dann zeigen sie mir mal zuerst das kleine Problem. Ich zog links Schuh & Strümpfe aus und er betrachtete sich gründlich den Zeh, (einschliesslichh eines gemeinen Drückens), bei dem ich verkniffen aufschrie.
Und nun das Große! hiess es dann. Ich befreite mich vor seinen Augen von Pullover, Hemd und Unterhemd, und siehe da: Dem Arzt fiel geradezu sein Unterkiefer herunter. Ach du meine Güte, war zunächst alles, was er staunend und verwundert hervorbrachte. Dann wurde er aktiv und rief sofort einen bekanten Frauenarzt in der nahen Landeshauptstadt an. Der zögerte (als er hörte: ich habe hier einen Privatpatienten) nicht lange und bestellte mich schon zum nächsten Morgen bei sich ein. Das erste, was er mir sagte, als er sich - nach meinem Auskleiden - meine recht Brust betrachtet und auch gründlich ertastet hatte: 1) Eine Mammogarphie schenken wir uns, weil das - bei Männern umso mehr - auch schon für Frauen (oft) eine schmerzhafete Prozedur ist, wegen der unvermeidlichen Pressung. 2) Wir machen jetzt hier & sogleich eine gründliche Ultraschalluntersuchung, wobei ich - zur Sicherheit - sofort die rechte Achsel in die Betrachtung einbeziehen werde, weil mensch nie ungeprüft wissen kann, ob diese Wächterknoten nicht bereits affiziert sind. Und das Eine sage ich ihnen schon jetzt: um eine dreifache Biopsie werden sie nicht drumherum kommen. Ich wurde immer kleinlauter.
Der Ultraschall ergab: 1) eine scharf von ihrer Umgebung abgegrenzte etwa Hühnerei große Geschwulst. Die scharfe Abgrenzung liess Hoffung aufkommen, das Gewächs könnte am Ende gutmütig sein. Auch die leichte Verschiebbarkeit des Ganzen sprach gegen maligne Verhältnisse. Die Härte dieser stumpfen "Spitze" an der Geschwulst liess dagegen eher das Gegenteil befürchten. Er sei schliesslich nicht der liebe Gott, meinte der ziemlich still gewordene Gynäkologe und rief die große Klinik der Landeshauptstadt an, um einen schnellen Termin zu machen. Der wurde uns auch gewährt: es war Freitag: am drauf folgenden Montag um zehn Uhr wurde ich dort einbestellt.
Vor lauter Aufregung war ich fast eine Stunde zu früh in der gynäkologischen Ambulanz: lieber wollte ich dort in meinem neuesten Buch lesen, als unsicher auf- & abgehend zu Hause herumzutigern. Prompt kam ich fast sofort dran: eine humorvolle, die Männer verspottende (Helden) weissrussische Ärztin und Spezialistin, (so nannte sie mein Professor, der mich perieren würde, falls ...), die nahm mich auf ihre wohl tuende ironische Art meiner an. Die Biopsie (in drei Achsen, um sicher zu sein, böses Gewebe auch gewiß zu erhaschen), war zwar nicht angenehm, aber auszuhalten.
Ums es kurz zu machen, das histologische Ergebnis dieser Biopsie war negativ; Diagnose: malignes Carzinom bei ausgebreiteter Affizierung der rechtsseitigen Lympfknoten in der Achsel. Jezt war die Lage ernst, (aber nicht hoffnungslos). Anordnung des behandelnden Professors: In zwei Tagen startet die international übliche Tripel-Untersuchung: 1) Lungenuntersuchung; 2) Untersuchungen aller wesentlich inneren Organe, die sich als Ort etwaiger Metastasen eignen: vorrangig die Leber, aber auch Nieren, Galle, Magen, Bauchspeicheldrüse etc. und 3) ein Szintogramm (mit radioaktivem Technecium, ein Stoff der wahl, wegen seiner - einstellbaren - sehr kurzen Halbwertzeit, in meinem Falle von bloß 12 Stunden): nach 60 Stunden, nach 5 Zerfallszyklen, würde die Aktivität des Techneziums im Körper NUR noch 1/32tel der ursprünglichen Aktivität betragen, (und damit als relevanter Strahler im Körper empirisch zu vernachlässigen sein).
Ergebnis dieser Dreifachtour durch (fast) alle Möglichkeiten, sich technisch ein Bild der möglichen Metastasenlage zu machen, ergab: keinen erkennbaren Anzeichnen maligner vagabundierender Zellen im Körper des Patienten ! Der Professor war nun in der Lage und ausgestattet mit der Gewissheit: Übermorgen wird operiert. Er erklärte: er mache einen großzügigen Sichelschnitt im guten Halbrund um die Brust herum, und diesen Schnitt würde er sogleich um ein Weniges verlängern, hin zu den Lympfknoten in der Achsel. Welcher Knoten schon angegriffen sei, das könne mensch besser ertasten als durch Röntgen fixieren. So sollte es dann auch geschehen: Die Anesthesistin erklärte mir Umstände und etwaige Folge der unumgänglichen Vollnarkose.
Kurz: So geschah es, (nach international routiniert gesegnetem Procedere). Als ich wieder aufwachte, war alles vorbei und alle aktiv Beteiligten schienen es auch zufrieden zu sein. Nun kam die Alltagsroutine des Krankenhauses, getragen von den unermüdlichen Schwestern & Pflegern der Abteilung B 43. Offenbar wegen meines Alters genoss ich das (umstrittene) Privileg eines schönen Einzelzimmers im dritten Stock mit gutem Blick auf Mainz, mit der fernen ZdF-Zentrale Lerchenberg, und auf die Rheinschleife bis hin zu schwach erkennbaren Hindenburgbrücke, die Wiesbaden mit Mainz verbindet. In der vernähten (und verklebten), also prakisch schon verschlossenen Brustwunde und im Achselschnitt steckte jeweils ein Kunststoffschlauch, an dem eine Glasflasche hing zum Auffangen der ununterbrochenen & schier unaufhörlich fliessenden blutroten Lymphe. Ich konnte & durfte sofort aufstehen, musste dabei aber - mit aller gebotenen Sorgfalt, (in einer Tasche, gefertigt von den fleissigen Händen eines Trostkreises brustkrebsoperierter Frauen, die ja bei dieser Indikation mit 97% der Fälle eine stabile traurige Mehrheit bilden): auf hundert BK-Fälle kommen statistisch also 3 Männer ! Es sind die "weichen" Männer, die Softis, (wie die nie zufriedenen Frauen heutzutage zu sagen pflegen), die Männer also mit dem allzu großen Anteil im Hormon-Mix an Östrogenen.
Nach einer Woche konnten die beiden Schläuche entfernt werden. Etwa drei Flaschen pro Schlauch hatte mein angeschnittener armer Körper produziert. Als meine Entlassung anstand, (die Gynäkologen wussten ja nix von meiner unangenehmen Fettgeschwulst am zweitkleinsten Zeh links), da zeigte ich - abends - einem älteren Pfleger, zu dem ich ein besonderes Vertrauen gefaßt hatte, diesen Zeh. Der bestätigte sofort meinen Eigendiagnose und trug dies umgehend in die Kontroll-Kladde ein, die über einen jeden Patienten akribisch geführt wird. Diesen Fall übernahm sogleich - ohne dass ich mein Zimmer wechseln musste - die Allgemeine Unfall-Ambulanz, die einem anderen Professor unterstand, der mir an dem befallenen Zeh dann auch - nachdem man mir sofort den linken Fuss geröntgt hatte - am folgenden Tag die ersten beiden Glieder dieses aufmüpfigen Körperteil entfernte. Diese beiden Glieder könnte ich also - gesetzt den Fall des Falles - erst beim jüngsten Gericht wieder erhalten.
Mein Gynäkologieprofessor hatte mir versprochen, (wegen meines Alters): 1) Keine Chemotherapie, 2) Auch keine REHA: ich solte im vertrauten Wohnumfeld verbleiben, 3) Fünf Jahre lang täglich eine
Tamoxifen-Tablette (abends) schlucken, (dann werde ich 90 sein !). Zusätzlich bekomme ich nun noch 28 Tage lang eine hochenergetische Bestrahlung von stark beschleunigten Elektronen, die sich bei solchen Geschwindigkeiten wie harte Photonen verhalten und eine radioaktive Strahlung ersetzen sollen, die viel unangenehmer für den Patienten wäre. Das Gerät ist ein sogenannter Linearbeschleuniger der Firma SIEMENS namens "Artíste".
Ergebnis: Ich fühle mich wohl und gesund, ja gleichsam so gesund wie nie zuvor in meinem Leben. Ich bin heiter & guter Dinge. Ich gehe auf (viele, - fast - alle) Leute zu, und die Leute erweisen mir sichtlich Empathie. Diese sich täglich sich erneuernde und sogar verstärkende Gefühl des "Schwebens im Leben" erhebt mich über den bislang gewohnten Alltag hinaus, macht mich dankbar, weise und demütig. Ich verbeuge mich vor der Medizin als gesellschaftlicher Institution und arbeitsteiliger Organisation.
Rudi K. Sander alias dieterbohrer aka @rudolfanders oder auch: www.rudi-sander.de oder:
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